Der folgende Text ist dem Buch:
"Pudel - Expertenrat für den Hundehalter" von Heidi und Bernd Käser
- Kosmos Hundebibliothek -
entnommen. Er schildert Charakter, Wesen, Psyche des Pudel so deutlich wie kein anderer. Es ist ein pures Lesevergnügen, wenn man einen Pudel besitzt und die Charaktereigenschaften kennt. An vielen Stellen kann man einfach immer nur nickend zustimmen: Ja, so sind sie, die Pudel:
Peter Scheitun, ein schweizerischer Gelehrter, Prediger und Schulmann, wurde geboren in St. Gallen am 4. März 1779 und starb ebenda am 17. Januar 1848. Seine geistvollste Arbeit ist der "Versuch einer vollständigen Tierseelenkunde", 2 Bände, Stuttgart 1840, in welcher er eine schier unerschöpfliche Fülle von feinsinnigen Beobachtungen der Tierpsyche bietet. Insbesondere seine Schilderung des Pudels dürfte das Beste und Ausführlichste sein, was jemals über einen Hund geschrieben worden ist. Die an verschiedenen Stellen verstreuten Bemerkungen sind hier zu einem fortlaufenden Artikel vereinigt und nach dem Buch "Der Deutsche Pudel" von Claudius Hüther zitiert. Der vollkommenste Hund ist der Pudel, und was Gescheidtes und Braves am Hunde gerühmt wird, bezieht sich vereinfacht auf ihn. Was sagt man nicht alles von seinem Geruch, seinem Gedächtnis, seiner Treue bis in den Tod, seiner Geschicklichkeit, Künste zu lernen und wären es sogar die allerlistigsten Diebeskünste, Summen, Wörter zusammenzusetzen, im Tretrad zu gehen, Kartenkünste zu machen, sich krank und todt zu stellen, den Bratspiess zu drehen, ein Schachspiel mit seinem Herrn zu machen, vor Unglück und Gefahr zu warnen, Mörder zu verraten, Gestohlenes wieder zu holen, Verunglückte aus dem Wasser zu retten, im Notfall den schlafenden Herrn zu wecken, seinesgleichen, einen kranken Mithund zum Arzt zu führen, und diesen für den Kameraden zu bitten, jeden Tag zu erkennen, und am Sonnabend allfällige Vorkehrungen auf den Sonntag zu treffen u.s.w. Man kennt tausend wahre Anekdoten dieser Art.
Bemerkenswerte Eigenschaften
Jeder Pudel ist eine förmlich ausgebildete, abgeschlossene, selbständige Psyche, von äussern Umständen teilweise unabhängig. Er hat Eigenheiten, Sonderbarkeiten, Unerklärbarkeiten, Originalitäten, Genialitäten. Ohne Anleitung ist er schon viel und wird er viel. Er lehrt sich selbst, ahmt den Menschen nach, drängt sich zum Fernen, liebt das Spiel, hat Faunen, setzt sich etwas in den Kopf, will nichts lernen, tut dumm, empfindet Langeweile, will tätig sein, ist neugierig, kennt die Mienen- und die Augensprache u.s.w. Eigenwillig können einige allen Schmerz überwinden, andere nicht hassen, andere nicht lieben, einige können verzeihen, andere nie. Sie können einander in Gefahren und zu Verrichtungen beistehen, zu Hilfe eilen, Mitleiden fühlen, lachen und weinen oder Thränen vergissen, vor Freude jauchzen, aus Liebe zum verlornen Herrn trauern, hungern, verhungern, alle Wunden für ihn verachten, den Menschen ihresgleichen weit vorziehen und alle Begierden vor den Augen ihres Herrn im Zügel halten oder schweigen machen. Ehrfühlig kann sich der Pudel schämen. Er kennt Raum und Zeit vortrefflich, kennt die Stimmen, den Ton der Glocke, den Schritt seines Herrn, die Art wie er klingelt; kurz, er ist ein halber, ein zweidrittel Mensch. Er benützt ja seinen Körper so gescheit als der Mensch den seinigen und wendet seinen Verstand für seine Zwecke vollkommen an. Doch mangelt ihm der dritte Drittel Am ehesten sollten im Pudel allfällige Möglichkeiten, sich noch höher zu heben oder gehoben zu werden, als nicht unmöglich gedacht werden können An ihm ist alles Psyche. Er macht nichts dumm, als wenn er selbst es will. In allen ändern Hundearten ist noch mehr Trieb, in ihm aber mehr Intelligenz. Wie rast der Jagdhund der Jagd zu, wie tobt er keuchend, athemlos dem Gewilde nach! Wie wütet die Dogge auf den Feind los, wie niederträchtig umrennt der Metzgerhund mit lächzender heraushängender Zunge und falschern Auge in halben Kreisen wie der Perpentikel einer Wanduhr mechanisch die vor ihm angstvoll trippelnden Kälber! Wie roh fällt er sie an, wenn sie sich auf die Seite verirren, wie gleichgültig ist er gegen den Schmerz derselben, der ihm erst noch wohl zu gefallen scheint! Wie stürzt der Hühnerhund auf Vögel, hingerissen von der Wut sie zu erdrosseln! Nichts von allem diesem Un-edeln, Unwürdigen, Schimpflichen ist im Pudel, wenn er nicht verzogen worden, wenn man ihn, sei es auch nur naturgemäss, seinem eigenen Genius überlassen hat. Der Pudel ist von Natur gut. Jeder schlechte ist durch Menschen schlecht gemacht worden. Fassen wir das Wichtigste und Entscheidenste, das ihn auf seiner Höhe vollständig Charakterisierende in folgende Angaben zusammen: Der Pudel ist unter den Hunden am besten gebaut. Er hat die schönste Kopfform, den gewandtesten Leib, die schönste Gestalt, eine volle breite Brust, wohlgebaute Beine, ist nicht hoch und nicht niedrig, nicht lang und nicht kurz, und stellt sich am würdigsten dar. Schon körperlich ist er vorzugsweise zu allen Künsten geeignet. Tanzen kann er von selbst lernen, denn seine halbmenschliche Natur treibt ihn, sich an seinem Herrn aufzurichten, auf zwei Beine zu stellen und aufrecht zu gehen. Bald genug merkt er, dass er es könne und er tut's sehr oft von selbst, wenn er will.
Die Sinne
Sein Geschmacksinn ist fein, er unterscheidet zwischen Speisen sehr genau, er ist ein Leckermaul. Sein Geruchsinn ist berühmt. Man sagt, dass seine auseinandergefaltete Geruchshaut so gross sei, dass man damit seinen ganzen Körper überziehen könnte. Er kennt die Kleider seines Herrn durch den Geruchsinn, findet mit Hilfe desselben seine verlorene Spur. Gibt man ihm von einem verlornen Kinde einen Schuh u.s.w. zu riechen, so kann er mit der Festhaltung des Eindrucks in seiner Psyche das verlerne Kind finden von selbst; hat er's gefunden, so kommt er freudig mit Bellen die Anzeige zu machen, zerrt an Röcken, läuft voran und zeigt den Weg. Kaum jemals täuscht er sich. Ihm ist der Geruch besonders als Erkenntnisvermögen angewiesen. Er fühlt auch fein, er ist für körperlichen Schmerz sehr empfindlich, er ist sehr wehleidig. Die kleinste Gefahr vor dem Prügel macht ihn ängstlich, der kleinste Schmerz zwingt ihm, wie dem Kinde einen Schrei ab. Sein Gehör ist vortrefflich. Von Weitem kennt er die Stimme, unterscheidet sie auch sinnlich, kennt den Unterschied der Glocken und Klingeln sehr gut, kennt die Manier und den Ton des Schrittes seiner Hausgenossen. Aber sein Gesichtssinn ist zurückgeblieben, er sieht nicht wohl. Es ist unter den Tieren ebenfalls keinem gar Alles, sondern nur irgend einem das Meiste gegeben. Er kennt seinen Herrn nur, wenn er ziemlich nahe ist und lässt sich bisweilen auch durch die Farbe der Kleidung, doch nur auf kurze Zeit täuschen. Erkennt er nicht bald den Blick, das Gesicht seines Herrn, so doch augenblicklich seine Stimme. (Das ist beim heutigen Pudel nicht wahrzunehmen; ersieht genau so, wie jeder andere Hund.) Wir unterscheiden für's Sinnliche Raum- oder Ort-, Zeit-, Farben- und Tonsinn. Der Ortsinn ist im Pudel vortrefflich. Wie die Katze findet auch er den Weg nach Hause, Stunden und Tage weit her. Er läuft in der Stadt oder auf dem Lande willkürlich herum; er besucht, mit der Gewissheit zu finden, irgend ein Haus, in welchem er mit seinem Herrn, sei es auch nur einmal gewesen, wenn ihm daselbst wohlgetan worden ist, und besucht Nachmittags die Häuser, vor welchen Knochen liegen, ganz regelmässig. Darum kann er auch abgerichtet werden, Brod in der Bäckerei, Fleisch im Schlachthause zu holen. Auffallend ist sein Zeitsinn. Er kennt die Tage und merkt an den Vorbereitungen des Samstags, dass der Sonntag komme. Er kennt, wie der hungrige Mensch, die Mittagsstunde, kennt auch die Schlachttage im Schlachthause, und läuft nur an solchen dahin. Eben sein Zeit- in Verbindung mit dem Gehörsinn macht ihm das Tanzen leicht möglich. Er hat Takt. So genau oder regelrecht jedoch, als der des Menschen, ist sein Takt nicht; es gibt aber auch viele Menschen, die aus Mangel an Zeitsinn nie Takt halten können. Die Farben kennt er genau und unterscheidet die Dinge mit Hilfe derselben deutlich, doch ist sein Farbensinn noch völlig unästhetisch, und die Farbenharmonie ist sogar ihm noch völlig unbekannt. Ein Raphael ist ihm so gleichgültig als ein Schmierer. Sonderbar ist der Eindruck der Musik auf ihn. Manche Instrumente kann er wohl leiden, manche gar nicht. Er zieht sich zusammen, macht einen Buckel, zieht den Schwanz zwischen die Beine, nimmt die möglichst unästhetische Stellung an und heult. Man vermutet, die Musik sei ihm peinigend.